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«Instagram raubt dir deine schönsten Erinnerungen» Ein Gespräch über Social Media und was es kaputt macht

LA. Nach aussen hin perfekt. Täglich Sonne, überall strahlende Gesichter, High Life Hollywood. Wenn man genauer hinsieht aber kalt, oberflächlich und irgendwie falsch. Eigentlich wie Instagram.

Simone Sora lebte bis vor kurzem in Los Angeles, um ihrem Traum, als internationales Model und Schauspielerin durchzustarten, nachzugehen. Als der Druck von der Agentur zu gross wurde, kehrte sie zurück in die Schweiz. Unter anderem waren die erwartete Präsenz auf Social Media und der Aufbau einer grossen Gefolgschaft Faktoren, die zu regelmässigen Zusammenbrüchen der Halb-Koreanerin führten. Im Interview erzählt sie, wie Social Media ihr Leben bestimmte und sie zu einem anderen Mensch machte.

Simone Sora Model
Quelle: Instagram Simone Sora

Während deiner Zeit in Los Angeles musstest du täglich liefern. Wie hat Social Media deine Freizeit verändert?
Ich habe in LA jeden Tag gepostet und mir Sorgen gemacht, wenn etwas nicht geliked wurde. Nicht, weil ich es wollte, sondern weil es von der Model-Agentur verlangt wurde. Du musst posten, du musst präsent sein, du musst auf Partys gehen. Ich fixierte mich in meiner Freizeit darauf, lustige, spannende Sachen zu machen. Nicht für mich – für Social Media. Das führte irgendwann dazu, dass ich die Präsenz im Leben selbst verlor.

Wie hat es dich als Person verändert?
Ich habe den Kontakt zur Realität in der Social Media-Welt verloren. Während der Zeit in den USA hatte ich auch diesen «Schaut mich an!»-Drang. Ich habe mich nicht mehr mit Themen beschäftigt, die mich wirklich interessieren, wie Soziologie und Politik. Genau so exzessiv wie ich mich um mein Profil gekümmert habe, habe ich andere Leute auf Social Media angeschaut und gedacht, «Die haben alle ein geiles Leben». Irgendwann verlor ich den Boden unter den Füssen.

Simone Sora bei einem Shooting in Los Angeles.
Simone Sora bei einem Shooting in Los Angeles. / Quelle: Simone Sora Instagram

Hattest du schon mal psychische Probleme wegen Social Media?
Ich bin grundsätzlich eine nervöse Person. Wenn ich dann mal richtig nervös bin, schlafe ich nicht und muss mich übergeben. Was mich in dieser Zeit zudem belastet hat, sind moralische Grundvorstellungen. Ich weiss eigentlich: Soziale Medien bedeuten nichts. Ich tue niemandem etwas Gutes, zum Beispiel kleinen Mädchen helfen in die Schule zu gehen oder Rassismus zu bekämpfen. Ich fühlte mich leer. Im Nachhinein würde ich sagen, ich hatte eine leichte Depression.

Was war dein Tiefpunkt?
Als diese Präsenz auf Instagram anfing, haben einige meiner alten Freundinnen aufgehört, mir zu folgen. Auf Social Media geht der Mensch hinter den Bildern vergessen. Sie haben sich wohl mein Profil angeschaut und ein eingebildetes, arrogantes Model gesehen. Dabei war und bin das immer noch ich.

Real Talk: Simone Sora auf Instagram
Real Talk: Simone erklärt ihren Followern, wieso sie nicht mehr täglich posten wird.

Du schreibst bei einem Bild auf Instagram, dass du in Zukunft nicht mehr so viel posten wirst. Wann und wieso ist diese Entscheidung gefallen?
Das war in einem Schlossgarten in St. Petersburg. Der Garten war so schön, dass direkt meine Alarmglocken läuteten. Das kennen bestimmt viele die aktiv auf Instagram sind. Diese innere Stimme die sagt: «Das würde das perfekte Instagram-Bild geben». Da kam mir die Erkenntnis: Eigentlich ist das Schöne ja, sich im Moment zu verlieren und sich nicht Gedanken darüber zu machen, wo das beste Licht ist.

Es gibt ein spanisches Zitat, das diesen Gedanken ziemlich gut zusammenfasst: «Los mejores momentos de la vida no se publican – se viven», auf deutsch: «Die besten Momente im Leben publiziert man nicht – man lebt sie».  

«Der Zaubert verschwindet, sobald man ein Handy hervornimmt.

Simone Sora, Model / Soziologie- und Politikstudentin.

Hast du negative Reaktionen erhalten?
Ich habe durchaus gemerkt, dass ich weniger Follower habe als vorher. Die Instagram-Community will Entertainment. In diesen Momenten, merke ich, dass ich keine Influencerin bin. Und das ist auch gut so.

Was fühlst du, wenn du an eine Welt ohne Social Media denkst?
Ich habe auf den Reisen gemerkt, dass die Leute ohne Internet glücklicher sind und freier. Die kleinen Freuden im Leben, die wir, fixiert aufs Handy, nicht mehr wahrnehmen, zelebrieren sie. Denn es ist nun mal so: Der Zauber verschwindet, sobald man ein Handy hervor nimmt. Das Leben ist ohne Handy präsenter, weniger egoistisch und oberflächlich, realistischer, intimer, spontaner.

Simone Sora Split, Croatia
Simone Sora studiert jetzt Politik, Soziologie und Internationale Beziehungen in Zürich. / Quelle: Instagram Simone Sora

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