interview

«Jede Minute, die ich arbeite, arbeite ich für mich selbst»

All ihre Entscheidungen basieren auf Annahmen, denn sie sind noch gar nicht auf dem Markt. Nächste Woche wird es für das Start-up Earlybird ernst.

Hinter dem Start-up Earlybird beim Engrosmarkt in Zürich stecken drei junge Männer und eine Köchin: Tim Schmid (25), Mischa Aeppli (25) und Thomas Bösch (27). Seit einem Jahr arbeiten sie zusammen an Earlybird. Ihr Konzept: Wöchentlich bereiten sie von Montag bis Freitag verschiedene Frühstücks- und Mittags-Menüs, die individuell zusammengestellt werden können. Die Zutaten dafür werden alle in der Nacht vorher zubereitet. Bis 16 Uhr kann man bestellen. Die Menüs werden mit einem Elektrofahrzeug zum gewünschten Ort ausgeliefert.

Start-up Earlybird Mischa Aeppli, Tim Schmid, Thomas Bösch
Die Earlybird-Crew: (v.l.) Mischa Aeppli, Tim Schmid und Thomas Bösch. (Credits: Pauline Broccard)

Thomas, wir kennen dich schon als ehemaligen Marketingchef bei Stafffinder. Nun hast du da gekündigt und bist jetzt wieder bei einem Start-up – Earlybird. Kannst du nicht ohne?
Ich glaube mittlerweile nicht mehr. Es ist eine tolle Stimmung und es steckt grosses Engagement dahinter. Ich sehe sehr viel und mir wird nie langweilig, denn ich bin konsequent gefordert. Aber jetzt ist die Situation anders. Vorher arbeitete ich als Angestellter. Bei Earlybird bin ich Mitgründer. Es ist eine andere Ausgangslage und eine andere Begeisterung. Jede Minute, die ich arbeite, arbeite ich für mich selbst. Das ist extrem befriedigend. Es wäre schwierig für mich, in ein Anstellungsverhältnis eines Nicht-Start-ups zurückzukehren. Aber ich will es nicht ausschliessen.

Aber Ziel von Earlybird ist es doch auch, irgendwann kein Start-up mehr zu sein, oder nicht?
Ja klar, aber da wir lokal arbeiten und das lässt gar keinen so grossen Wachstum zu. Wir werden nie schweizweit oder global ausliefern, oder 300 Mitarbeiter beschäftigen. Unser Konzept lässt dies nicht zu. Wir werden immer klein bleiben. Damit setzen wir auf Nachhaltigkeit und Qualität. Wenn wir 15’000 Menüs ausliefern würden, wäre es frisch kaum mehr möglich.

Wisst ihr wo eure Grenze liegt?
Geografisch ist es Zürich. In der Testphase und für den Launch liefern wir nur im Kreis 5.

Für wie lange?
Sobald der Kreis 5 anläuft und wir Tendenzen sehen, dass der Markt auf unser Produkt anspringt, werden wir möglichst schnell weitere Kreise erschliessen. Voraussichtlich nächsten Frühling.

Was gibts fürs Herausforderungen?
Die grösste Herausforderung ist Annahmen zu treffen, wie wir auf dem Markt und von Kunden wahrgenommen werden. Da wir noch nicht live sind, basieren all unsere Entscheidungen auf Annahmen.

Was ist eure Variante, das zu tun?
Recherchieren, Informationen zusammenbringen, mit Leuten reden, die den Markt kennen und aufs Bauchgefühl hören. Danach kommt, dass wir zu dritt einen Konsens finden müssen. Wir sind oft verschiedener Meinung. Wir können einen sehr kontroversen Diskurs führen, aber gleichzeitig auf einen Nenner kommen.

Funktioniert das gut?
Ja, sehr gut. Für meine Marketingideen kommen viel mehr Inputs zusammen. Viel mehr, als wenn ich es alleine durchziehen würde.

Euer Büro sieht sehr kreativ aus.
Ja, es hat eine gute Stimmung. Wir sind vier in diesem kleinen Büro ohne Fenster. Es ist total Start-up, das Garage-Feeling. Aber momentan wird es von vielen übertrieben.

 

Es ist hip.
Genau. Aber wir haben hier so einen klaren Fokus, da wird viel gearbeitet.

Nächste Woche ist Testphase und dann geht ihr live. Was ist die aktuelle Situation?
Wir haben einige Baustellen beim Bestellverlauf auf der Webseite. Wir sind ein digitales Unternehmen, liefern aber ein analoges Produkt aus. Es gibt viele digitale Anbindungen: Bestelleingänge, die sofort an ein Tourensystem weitergeleitet werden. Dieser bekommt der Kurier auf sein Smartphone.

Und was ist eure persönliche aktuelle Situation?
Wir arbeiten von morgens bis abends späht.

Wie viele andere….
Nein, ich glaube nicht wie jeder anderer. Momentan steht Tim zwischen 5 und 6 Uhr auf und ist bis 23 Uhr im Büro. Es sind lange Tage.

Länger, jetzt kurz vor dem Start?
Ja, wir arbeiten sieben Tage die Woche. Es bleibt wenig Zeit für anderes und stellt das Privatleben an zweiter Stelle. Wir sind hauptsächlich im Büro: frühstücken, essen zu Mittag, essen zu Abend hier.

Geht ihr euch nie auf den Wecker?
Wir hatten noch nie Streit, eher Unstimmigkeiten. Denn wir haben ein gemeinsames Ziel. Wir arbeiten bis wir wissen, dass das Produkt gut ist, es die Qualität hält, die wir haben wollen. Dann sollten wir schnell erste Kundenfeedbacks erhalten, damit wir uns verbessern können, die Webseite sollte laufen und die Prozesse eingespielt sein. Bis es so weit ist, werden wir weiter so gefordert sein.

Es wird mit dem Start wahrscheinlich nicht besser.
Es wird eher noch hektischer. Jetzt ist es noch keine Hektik, jetzt ist es viel. Hektisch wird es, wenn es jeden Tag um Zeit geht, wenn es darum geht, ein Kundenbedürfnis zu befriedigen.

Habt ihr ein Plan B, um das Versprechen zu halten?
Das ist alles geplant. Aber das ist auch Plan A. Wir haben keine Ahnung, was auf uns zukommt. Wenn es brennt, können wir auch Fahrzeuge ausleihen.

Entspricht der Aufbau eines Start-ups euren Vorstellungen?
Wir haben es uns einfacher vorgestellt und dass es schneller vorangeht. Wir haben keine Millionen, keine Investoren, keinen Namen. Wir vier sind zwar schnell, aber für Lieferanten sind wir noch klein. Sie liefern nicht auf Zeit und halten die Deadlines nicht ein. Das macht es für uns schwierig. Wir können zu wenig Druck auf sie ausüben.

Start-up Earlybird Angebot
Ein Beispiel aus der Earlybird-Küche: Müsli, Brötchen, frischen Orangensaft und eine Bowl. (Credits: Earlybird)

Könnt ihr euch da nicht jemand explizites suchen, der Start-ups unterstützt?
Das ist schwierig. Schlussendlich geht es um die Qualität des Produkts, sei es ein Fahrzeug oder Verpackungsmaterial. Was aber gut läuft, ist die Beschaffung von Lebensmitteln, da wir direkt beim Engrosmarkt sind.

Wie ist eure Werbestrategie?
Fokus klar auf Digital: Social Media. Ein paar Konzepte sind vorbereitet, um lokal zu werben. Wir dürfen nicht an unsere Zielgruppe vorbeigehen. Das macht keinen Sinn, jemanden aus der Agglomeration anzusprechen, wenn wir uns nur auf den Kreis 5 fokussieren.

Kam für euch ein Influencer in Frage?
Wir haben viele Möglichkeiten angeschaut. Aber zuerst geht es prinzipiell darum, dass die Kunden sehen, wer wir sind und was wir machen.

Euer Jogurt-Frühstück oder Salat sieht ähnlich aus, wie diese aus dem Coop oder Migros. Wieso sollte ich eures kaufen?
Das von Coop oder Migros ist nicht frisch. Ein Grosshändler kann das aufgrund ihrer Logistik nicht. Ihre Salate sind speziell behandelt, damit sie haltbar sind. Bei uns kommt das Grünzeug direkt vom Feld und somit ist die Qualität auch höher. Und wir verwenden keinerlei Zusatzstoffe.

Wie lange kann man eure Produkte aufbewahren?
Wir empfehlen, es am gleichen Tag zu essen. Dann ist der Geschmack am besten. Aber man kann es sicherlich ein zwei Tage aufbewahren, aber das garantieren wir nicht. Auf unseren Produkten ist das Produktionsdatum drauf, der Tag, an dem es ausgeliefert wird.

Ist es kein Fehlentscheid, auf den Winter hin, kalte Speisen auszuliefern?
Auch wenn die Speisen kalt sind, sind die Bowls sehr divers.

Meinst du nicht, dass die Leute jetzt eher Lust auf warme Speisen haben?
Es wird sicher eine solche Tendez geben. Wiederum wird es auch so sein, dass viele nicht nach draussen gehen wollen und Lieferungen in Anspruch nehmen. Genau das was wir bieten!

Wäre es nicht besser gewesen im Frühling zu starten?
Ja, aber wir können nicht warten bis nächstes Jahr. Das ist zu spät. Wir haben Fixkosten. Wichtig ist, dass wir starten, Erfahrungen sammeln, Feedback bekommen, optimieren können. Egal welche Jahreszeit.

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