Background Politik

Kampf um San Francisco: Techelite gibt den Ton an

Sie hofieren Staatsgäste, bauen Wolkenkratzer und dominieren das Rathaus. Im Wahlkampf ums Stadtpräsidium zeigt sich, wer die «City» regiert. Und wer das Nachsehen hat.


Man sieht Justin Trudeau an, dass er sich geschmeichelt fühlt. Doch so viel Lob ist sogar dem derzeitigen Liebling der Globalisierungsbefürworter und Trump-Gegner etwas peinlich. «San Francisco liebt Sie», ruft ihm sein Sitznachbar euphorisch zu. Verlegen lächelnd schaut der kanadische Premierminister vor sich hin.

Es ist nicht ein offizieller Vertreter der Stadt, der die überschwängliche Lobrede auf den Gast aus dem nördlichen Nachbarland hält. Denn die «Golden City» am Pazifik ist nach dem plötzlichen Tod von Bürgermeister Ed Lee seit Ende Dezember politisch führungslos. Es ist der milliardenschwere Techunternehmer Marc Benioff, der die Gunst der Stunde nutzt und den Premierminister medienwirksam direkt im eigenen Büro empfängt.

Big Business First

Wie die Stadt San Francisco, so stehe auch ihr Freund Trudeau für «Vielfalt, Gleichberechtigung und Innovation», meint Benioff. Die Bemerkung ist natürlich ein Seitenhieb an die Adresse von Präsident Trump. Doch der herrschende Kulturkampf in Nordamerika ist bei diesem Treffen nur vordergründig Gesprächsthema. Eigentlich geht es vor allem um Big Business. Benioff kündigt Investitionen von 2 Milliarden US-Dollar und die Schaffung neuer Arbeitsplätze in Kanada an.

Staatsgast im Büro: Marc Benioff empfängt Justin Trudeau

Marc Russell Benioff, Gründer und Präsident des Cloudsoftware- Spezialisten Salesforce, hat Grosses vor. Er will seine Dominanz auf dem Amerikanischen Markt im Bereich Software as a Service (SaaS) weiter ausbauen. Aber auch lokal setzt er neue Zeichen. Seit wenigen Wochen ist der Salesforce Tower bezugsbereit. Mit seinen 61 Stockwerken und 326 Metern überragt er die Skyline. Über die Ästhetik streiten sich die Einwohner der Millionenstadt zwar noch. Doch in einem sind sie sich einig: der Bau hat Symbolwert. Er steht für das neue San Francisco und zeigt, wer hier mehr als nur mitbestimmt.

IMG_5017Skyline von San Francisco, rechts in der Abendsonne glänzend, der Salesforce Tower (Marco Brunner)

Zweizimmerwohnung ab 2’000 Dollar

Doch die Dominanz der Techfirmen führt zu Misstönen im Wahlkampf um die Nachfolge des verstorbenen Bürgermeisters. Benioff ist zwar selber nicht Kandidat, doch seine Schwärmerei für Vielfalt und Gleichberechtigung irritiert. Denn die Realität ist eine andere. In den siebziger Jahren noch bei mehr als 13 Prozent, so liegt der Anteil der Afro-Amerikanischen Bevölkerung heute bei 6 Prozent. Zuerst ausgewichen auf die andere Seite der Bay, nach Oakland, leben nun viele im Hinterland. Die Mieten für Wohnraum sind auch in der Agglomeration unbezahlbar. Eine Zweizimmerwohnung gibt es ab 2’000 Dollar aufwärts. Eltern müssen für das Material ihrer Kinder an öffentlichen Schulen des Öfteren selber aufkommen. Obdachlose säumen die Strassen auch in DownTown. Leute campen in Zelten auf den Gehsteigen, andere in Wohnwagen. Währenddessen wird die Tech-Kaste in modernen Shuttlebussen durch die Stadt zu ihren Arbeitsplätzen im Silicon Valley chauffiert. Und nebenan läuten die selbsternannten «Kreativsten und Smartesten» bei Snacks und Cocktails bereits die nächste «Disruption» ein.

Kritik auf Twitter an der Inszenierung rund um Justin Trudeaus Besuch in der City:

Es geht um die Seele San Franciscos

Getrübt wird die Stimmung auch durch einen Entscheid aus dem Rathaus. Die Afro-Amerikanische Minderheit fühlt sich übergangen. Denn nach dem Tod von Ed Lee, hätte eigentlich die Afro-Amerikanerin London Breed als Präsidentin des Board of Supervisors, bis zu den Neuwahlen im Juni die Geschäfte interimistisch führen sollen. Doch Ende Januar wurde sie von einer Mehrheit des Aufsichtsgremiums abgewählt. Neuer Mayor ad interim ist ausgerechnet der Weisse Mark Farrell. Mit seiner beruflichen Vergangenheit als Venture Kapitalist, gilt er als Repräsentant der Techelite und steht für deren Arroganz und Desinteresse, die sozialpolitischen Herausforderungen der Stadt anzugehen. Der Wahlkampf ums Stadtpräsidium ist also lanciert. Und er wird heiss. Die «New York Times» prophezeit bereits einen «Clash von Tech, Politik und Rasse», bei dem es schlussendlich um nichts weniger, als die Seele San Franciscos gehe.

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Szenen einer Stadt der Gegensätze: Zeltstädte und Werbeplakate (Marco Brunner)

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